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Mariupol
Vor den Augen meiner sechzehnjährigen Tochter starben acht Menschen
Irina Poljuschkina, Mathematiklehrerin
Irinas Mutter

Foto mit freundlicher Genehmigung von Irina Poljuschkina
Am 24. morgens machte ich mich für die Arbeit fertig, ohne einen Blick auf die Nachrichten zu werfen. Ich war schon auf dem Weg und plötzlich ruft die Mutter eines Schülers an und fragt, wie wir jetzt den Unterricht machen würden, in Zoom? Ich wunderte mich, aber sie antwortet: „Der Krieg hat begonnen, der Unterricht wurde abgesagt.“ Ich schaltete den Fernseher an, und da werden Kyiv und Charkiw schon bombardiert.

Ich dachte, dass die Massenmedien Panik verbreiten, schlimmstenfalls wird es wie 2014 sein – sie schießen eine Woche und dann war es das. Ich kaufte nicht einmal besonders viel ein, aber als ich die Situation begriffen hatte, waren die Geschäfte schon geschlossen. Dank an die jüdische Gemeinde – sie halfen mit Lebensmitteln.

Wir gingen auch „plündern“

Ich erinnere mich an mein erstes großes Erschrecken… Mein Sohn lebt seit vier Jahren in Israel. Als die Verbindung noch intakt war, rief er mich an: „Mama, von Berdjansk her nähert sich eine Kolonne mit 400 Panzern!“ Und in eben diesem Moment wird an unser Fenster geklopft (wir wohnen im Erdgeschoss) – da steht ein ukrainischer gepanzerter Personentransporter, ein Soldat schaute heraus und rief: „Schnell alle in die Keller, ins Versteck, Panzer kommen aus Berdjansk!“

Foto mit freundlicher Genehmigung von Irina Poljuschkina
Ich schickte schnell meinen Mann und meine Tochter in den Keller, ich selbst ging zu meiner Mutter, sie ist krank und liegt die meiste Zeit im Bett.

Meine Mutter hat den Krieg überlebt, 1941 wurde sie mit ihrer Oma aus Leningrad nach Sibirien evakuiert; auf dem Weg dorthin wurde ihr Zug von Bomben zerstört, sie saßen zwei Tage im Schnee. Und in diesem Krieg hat sie irgendwann gefragt, „warum macht ihr denn nicht das Licht an?“

Sie war seit einigen Jahren gelähmt, verstand nicht alles, und ich habe geantwortet: „Mama, es ist Krieg, hörst du nicht die Flugzeuge?“ Sie fragte: „Wer greift denn an, die Deutschen?“ „Nein, Mama, die Russen.“ Und sie rief mit diesem ukrainischen Akzent aus: „Was? Sind die verrückt geworden?!“

Aber diese Nacht passierte noch nichts, offensichtlich waren die Angreifer aufgehalten worden. Am folgenden Tag gab es einen Luftangriff, danach ging das Licht aus und es gab keine Verbindung mehr. Noch hatten wir Gas und Wasser, aber es begannen schon die Bombardements. Und dann wurde auch das Gas abgestellt.

Einmal sehe ich, die Nachbarn ziehen Handkarren, ich frage sie, woher sie kämen, und sie sagen, dass Mariupol eingekreist sei, die Soldaten hätten den „Metro“ (Supermarkt) geöffnet und ließen Menschen hinein. Meine Mutter leidet an Diabetes, sie braucht Insulin und eine besondere Diät, sie benötigt Buchweizen und Hafer. Also gingen wir auch „plündern“, obwohl es nur Selbsterhaltungstrieb war, wir nahmen nur das absolut Notwendige.

Vor dem Krieg hatten wir ein Auto. Ich kam von der Arbeit, mein Mann fuhr zum Geschäft und holte mich ab, ich musste nichts Schweres tragen. Und jetzt ging ich zum Lager, trage eine große, schwere Tasche und sehe, dass jemand einen halben Sack mit Kartoffeln weggeworfen hat. Ich denke, ich muss ihn mitnehmen, später bekomme ich nichts. Mit dem anderen Arm lud ich mir den Sack auf den Rücken, nahm die Tasche und ging. Als mein Mann das sah, sagte er: „Ich wusste nicht, dass du das kannst.“ Ich selbst hatte nicht gewusst, dass ich das konnte. Aber was sonst – wenn du leben willst, gehst du über deine Grenzen hinaus.

Und jetzt setzte der Frost ein – in der Wohnung herrschte eine Temperatur von minus 5 Grad. Wir packten meine Mutter in drei Decken ein und legten Flaschen mit heißem Wasser um sie herum. Fast drei Wochen hat sie so dagelegen
Die ersten Tage übernachtete ich zu Hause, obwohl schon Bomben fielen. Aber dann traf ein Geschoss den Kinderspielplatz und die Druckwelle zerbrach die Fenster im Zimmer meiner Tochter und im Schlafzimmer meiner Mutter. Dann legten wir zwei alte Matratzen ins Wohnzimmer und verlegten meine Mutter dorthin. Und dann setzte der Frost ein – in der Wohnung herrschte eine Temperatur von minus 5 Grad. Wir packten meine Mutter in drei Decken ein und legten Flaschen mit heißem Wasser um sie herum. Fast drei Wochen hat sie so dagelegen.

Meine sechzehnjährige Tochter schickten wir mit Nachbarn ins Stadtzentrum, wir dachten, es sei dort sicherer. Wir hatten keine Verbindung und ich machte mir Vorwürfe, weil ich das Kind weggeschickt hatte. Aber als in ihrem Zimmer die Fenster zerbarsten und die Tür auf ihr Bett fiel, verstand ich, dass ich das Richtige getan hatte.

Meine Mutter wäre beinahe lebendig verbrannt

Als ein Geschoss die Pumpstation traf und im gesamten Umfeld in den Höfen die Fenster und die Zimmertüren barsten, bebte das Haus so stark, dass wir zu Tode erschraken. Wir konnten schon nicht mehr in der Wohnung schlafen und ich ging mit meinem Mann in den Keller hinunter.

Dann zogen wir in einen anderen Keller um – in einer Bankfiliale. Wir liefen weiterhin zum Lager, schon unter Bomben schleppten wir Wasser an und kümmerten uns um meine Mutter. Irgendwo kracht es, aber egal, schnell, schnell, die Wohnungen werden gelöscht, zum Glück hatten wir Regenwasser gesammelt – eine ganze Wanne voll. Als in unserem Eingang ein Treffer landete, lief ein Nachbar in seine Wohnung in der neunten Etage, um das Feuer zu löschen, aber die Etage stürzte ein…

Das Feuer verbreitete sich durch alle Steigrohre; Ich weine – meine Mutter wird bei lebendigem Leibe verbrennen – doch eine Nachbarin sagt zu mir: „Was heulst du – geht, lasst das Feuer nicht ran!“ Ich schaue, da läuft mein Mann mit einer Axt, er begann auf die Möbel einzuhacken – alles, was brennen konnte, warfen wir runter. Ich kleidete das Zimmer mit nassen Lappen aus und bastelte eine Spritzflasche. Doch über unserer Wohnung brannte alles aus…

Irinas Wohnkomplex
Foto mit freundlicher Genehmigung von Irina Poljuschkina
Irinas Wohnung

Foto mit freundlicher Genehmigung von Irina Poljuschkina
Nach acht Tagen unter Bombardements gingen wir, um unsere Tochter zu holen – wir wussten schon, wo sie war. Um uns herum fielen Bomben, aber wir kamen an – unsere Tochter war dünn, blass und hungrig. Bei den Nachbarn war schon der kleine Enkel zu Tode gekommen und die Schwiegertochter war in kritischem Zustand ins Krankenhaus gebracht worden. Vor Anjas Augen waren acht Menschen umgekommen. Sie war wie durch ein Wunder unversehrt geblieben, ein bekannter Junge hatte sie am Hauseingang einen Augenblick aufgehalten, um mit ihr zu sprechen… In diesem Moment schlug das Geschoss ein. Sie erlitt Prellungen, aber überlebte, G‘tt sei Dank. Der Vorbau zum Eingang hat sie gerettet. Doch dann begrub der Nachbar vor ihren Augen seinen kleinen Sohn mit abgerissenem Arm im Hof – sie war gegangen, um mit diesem Tjoma zu spielen – er war vier Jahre alt.

Wir nahmen sie und ein Nachbarskind mit – auf dem Rückweg lagen wir mehr, als dass wir gingen. Wir befanden uns in der Schusslinie – das wurde uns klar, weil wir ukrainische Soldaten sahen, wir lagen bei ihnen im Schützengraben. Dann huschten wir in kleinen Sprüngen zur Parallelstraße, wir dachten, da würde es ruhiger sein. Aber dort waren schon die Russen. Ich hatte es nicht sofort bemerkt, da drehe ich den Kopf und erblicke einen Panzer mit dem Buchstaben Z. Wir eilten schnell nach Hause – und kamen mit den Kindern relativ sicher an, obwohl ich eine leichte stumpfe Verletzung abbekommen hatte.

Anstelle eines Kerzenhalters benutzten wir einen Chanukkaleuchter

Als wir meine Mutter auf Matratzen legten, hatte mein Mann ihr Sofa auseinandergenommen und wir trugen die beiden Hälften in den Keller. Nachbarn brachten noch eine Matratze und Kissen – so schliefen wir dann. In Pullovern, darüber eine Jacke mit Kapuze, eine Weste, eine Mütze und drei Hosen. Wir hüllten uns in Decken ein. Wir hängten Decken als Raumteiler auf und lebten so. Aus der benachbarten Schule wurden Tische und Bänke gebracht, wir kochten auf Kohlebecken, Ziegelsteinen und Schlackensteinen – wie es gerade kam.

Meine Mutter benötigte um sieben Uhr abends eine Insulinspritze und Essen – und mein Mann und ich liefen nach Hause. Statt eines Kerzenleuchters nahmen wir eine Chanukkia, die sich als sehr praktisch erwies. Wir wechselten die Pampers, gaben das Essen und spritzten das Insulin – alles sehr eilig – wir fürchteten, dass ein Scharfschütze das Licht sieht und schießt.

Irina mit ihrer Mutter
Foto mit freundlicher Genehmigung von Irina Poljuschkina
Die Schwiegermutter und der Bruder meines Mannes waren tot. Sie sandten uns ein Video – ein Durcheinander aus Metall und Schlackenblöcken
Wir lebten ziemlich freundschaftlich miteinander – wenn ich das Kohlebecken anzündete und selbst nur Tee machen wollte, rief ich alle – kommt, warum Brennholz umsonst verbrauchen. Die Männer schlossen sich zusammen, mal hackten sie gemeinsam Holz, mal gingen sie Wasser holen. Einige Nachbarinnen fürchteten sich panisch davor, den Kopf in den Hof hinauszustecken, wir teilten mit ihnen, luden sie ein. Eine hatte zwei Kinder – das ältere ging in die zweite Klasse, aber das kleine war erst anderthalb Jahre alt. Wie soll man da nicht helfen.

Das letzte Mal gingen wir ins „Metro“ extra, um Milch für das Kind zu holen. Nebenan wohnte ein Mann, der schlecht gehen konnte. Wir gaben ihm auch zu essen, man kann den Menschen doch nicht verhungern lassen, wir brachten ihm mal eine Suppe, mal Leber, mal etwas Anderes. Als wir wegfuhren, haben wir alle Lebensmittel für die Nachbarn dagelassen.
Wir schlugen dem Bruder meines Mannes vor, mit seiner Familie zu uns zu kommen, aber sie wollten nicht. Stattdessen zogen sie von ihrer Wohnung in ein zweistöckiges Bootshaus am Meer – sie beschlossen, dort auszuharren.

Das war ein Minihäuschen, mit kleinem Sofa in der zweiten Etage usw. Von meiner Schwägerin weiß ich, dass sie in der zweiten Etage Tee tranken und sie nach unten ging, um Honig zu holen und da landete ein Treffer – sie überlebte, nur ihre Beine versagten. Sie kroch irgendwie zu ihren Verwandten am anderen Ende des Stadtviertels. Aber die Schwiegermutter und der Bruder meines Mannes waren tot. Sie schickten uns ein Video – ein Gewirr aus Metall und Schlackenblöcken. Dort sollen viele Menschen umgekommen sein.

Übrigens sind auch ihre Wohnungen verbrannt. Mit der Schwägerin gab es keinen Kontakt mehr, offenbar ist etwas mit ihrem Kopf passiert, sie verhält sich seltsam… Übrigens erfuhren wir von den Todesfällen von unserem Sohn – über Israel wurden wir informiert, was am anderen Ende unserer Stadt passierte.

Wie ich einmal fast zur Säuberung mitgenommen wurde

Auch auf unseren Hof gab es viele Flugattacken und Häuser wurden getroffen. Eine Nachbarfamilie schloss die Großmutter in der Wohnung ein und ging selbst mit ihrem Kind in den Luftschutzbunker. Ein Geschoss schlug zwischen der 8. und 9. Etage ein und sie verbrannte. Viele alte Menschen starben durch Herzanfälle. Man musste die Verstorbenen im Hof begraben. Einen Nachbarn legten wir in einen Bombentrichter und ich half ihn zu bestatten.

Auch hinter uns brannten Häuser – rundherum war nichts außer Flammen. Man sagt, dass es jetzt dort übel rieche – ein Geschoss ist eingeschlagen, ein Mensch wurde irgendwo verschüttet, der Körper ist nicht verbrannt und zersetzt sich.

Verstecken Sie nicht etwa einen Soldaten der Streitkräfte der Ukraine?“ „Ja, da“, sage ich, „liegt ein Soldat“, ich zeige auf meine Mutter, „nehmen Sie ihn mit. Können Sie, nach allem was Sie mit uns gemacht haben, noch ruhig schlafen?“
Einmal führten Russen vor unseren Augen einige zwanzigjährige Jungen aus einem Keller, es waren Soldaten der Streitkräfte der Ukraine, sie waren in Zivil und waren hinter ihrer Kolonne zurückgeblieben. Auf meine Frage, was jetzt passieren würde, antworteten sie: wahrscheinlich würden sie erschossen. Ich weiß nur, dass die Jungen aus Winniza kamen, ihre Namen nannten sie nicht, sie hatten Angst, mir die Telefonnummern ihrer Mütter zu geben – ich wollte sie anrufen. Aber sie riskierten es nicht, man weiß ja nie…

Ein anderes Mal wurde ich fast zur Säuberung mitgenommen. Ich komme nach Hause und höre – draußen bringen sie deinen Mann weg. Ich sehe, wie mein Mann mit einem russischen Soldaten zum Eingang geht. Ich renne hinterher. Sie sind in die Wohnung hochgestiegen und ich frage, was sie denn eigentlich suchen. „Verstecken Sie Soldaten der Streitkräfte der Ukraine?“ „Ja, da“, sage ich, „liegt ein Soldat“, ich zeige auf meine Mutter, „nehmen Sie ihn mit. Können Sie, nach allem, was Sie mit uns gemacht haben, noch ruhig schlafen?“ „Sie sind zu gesprächig“, warf er mir an den Kopf, „jetzt gleich werde ich Sie zum Stab mitnehmen.“ „Tu das“, sage ich, „Ihr könnt mich auch erschießen, ich habe die Schnauze voll von euch.“ Da mäßigte er sich etwas, fragte, wo ich arbeitete. „Ich bin Mathematiklehrerin“, sage ich.
„Und in welcher Sprache unterrichten Sie?“
„In der Landessprache, natürlich.“
„Na, da sehen Sie es, also nicht auf Russisch.“
„Warten Sie mal, warum sollte ich auf Russisch unterrichten, wenn ich in der Ukraine lebe? Wenn die Kinder auf Russisch antworten, hat sie niemand deswegen unter Druck gesetzt.“

Er erwiderte: „Donezk hat es acht Jahre ausgehalten und ihr stöhnt schon nach drei Wochen.“

„Donezk ist meine zweite Heimat, Ich habe dort an der Universität studiert, dort lebt eine Freundin von mir, erzählt mir nicht, dass sie so beschossen wurden wie Mariupol. Was ihr mit uns macht – das ist einfach… Und er (ich zeige auf meinen Mann) hat seine Mutter und seinen Bruder verloren. Wofür?" Er ging schweigend hinaus.

Mein Sohn rief aus Israel unseren Rabbiner an und teilte ihm mit, wo wir uns befinden

Am selben Tag ging ich an einer zerbombten Apotheke vorbei – ich wusste, dass dort eine Toilette war, und ging hin. Die Tür war mit einem Stein versperrt. Da sehe ich mit Wasser gefüllte Flaschen stehen. Ich nahm eine. Und sofort stand ein Soldat der Volksrepublik Donezk mit einer Maschinenpistole vor mir: „Du Hündin und Diebin, stell sie hin!“ Und er reagierte sich so richtig an mir ab. Ich sagte: „Hör mal, mein Lieber. Ich bin also eine Hündin und Diebin, im eigenen Land? Ich habe in Quarantäne Fernunterricht gegeben, ich habe einen Universitätsabschluss, und was bist du für einer? Du bist zu uns gekommen, nicht ich zu dir. Ihr wart es, die aus uns Hunde und Diebe gemacht haben und Plünderer und Feuerwehrleute.“ Und er: „Ihr hättet überlegen müssen, wen ihr wählt!“ Meine Schwester sagt: „Eigentlich lebten wir in unserem eigenen Land, den wir wollten, wir haben gewählt, wen wir wählen wollten. Wie kommst du hierher?“

Irina mit ihrem Mann

Foto mit freundlicher Genehmigung von Irina Poljuschkina
Wenn ich ehrlich bin, fand ich es schade, dass die Ukraine sich so mit Russland zerstritten hat. Aber ich dachte nicht, dass es soweit kommen würde. Auch die Nachbarn sind schockiert. Gestern telefonierte ich mit einem von ihnen – „Mistkerle“, sagte er, „sie haben uns auf das Niveau von Schweinen erniedrigt.“ Seine Wohnung war ausgebrannt, wo sollte er hin? Die Leute haben Angst, dass ihnen ihr Auto weggenommen wird, fürchten sich auch davor, in einem fremden Land ganz von vorne anzufangen. Ehrlich gesagt, wenn man uns nicht abgeholt hätte, hätte ich meine Mutter nicht verlassen können, wir wären dort geblieben.

Wir hatten Glück, dass wir Netz hatten. Burschen aus dem Nachbarhaus schleppten einen Generator an, besorgten irgendwoher Benzin und ließen die Bewohner der benachbarten Häuser alle drei Tage ihre Telefone aufladen.

Mein Mann hat es geschafft, eine Stelle mit Empfang in der Innenstadt zu erwischen – er konnte unseren Sohn in Haifa anrufen. Der schaffte es noch, uns zu sagen, dass er sich bemüht, uns herauszuholen. Da brach die Verbindung ab und am nächsten Tag kamen sie zu uns – unser Sohn hatte tatsächlich unseren Rabbi angerufen und ihm mitgeteilt, wo wir waren. Sie kamen direkt zu uns in den Keller: „macht euch fertig für Israel“. Nun, wir haben alles stehen und liegen lassen, mit Hilfe von Nachbarn trug mein Mann meine Mutter auf einer Bettdecke zusammen mit der Matratze heraus, meine Schwester fuhr auch mit mit ihrem Mann, der drei Splitterverletzungen im Bein hatte. Das war am 23. März. Wir wussten nicht einmal, wie sie uns transportieren würden, aber uns war klar, dass es durch Russland gehen wird, weil die Russen schon seit drei Tagen in der Stadt waren.

Auf der Krim bekam meine Mutter eine Infektion, von der sie sich nicht mehr erholte

Fast an jedem Kontrollposten musste mein Mann sich ausziehen, mal wühlten sie auf dem Telefon herum, mal suchten sie nach Tätowierungen. Wir kamen zu einer Pension hinter Melekino und am folgenden Tag mussten wir um fünf Uhr morgens aufstehen – wir fuhren zur Krim. Wir gaben meiner Mutter zu essen, zogen sie um und verfrachteten sie – und vorwärts.

Sie war für uns so etwas wie ein Passierschein – der Ehrenamtler überholte die Menschenschlange und zeigte: hier ist ein kranker Mensch, der sterben könnte. Und das stimmte auch, wenn man ihr nicht rechtzeitig zu essen gab – sie war ja auf Insulin angewiesen. Im weiteren Verlauf wurde sie mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus nach Sewastopol gefahren und uns brachten sie in das Gebiet von Simferopol in ein kleines Hotel. Natürlich wurde meine Mutter schlecht behandelt, sie bekam eine Infektion, die auch ihre hauptsächliche Todesursache war – die israelischen Antibiotika konnten mit dieser Infektion nicht fertig werden.

Von der Krim flogen wir nach Mineralnyje Wody, meine Mutter und ich ins Krankenhaus, die Anderen in ein Hotel, von dort in der Nacht nach Kasachstan, dort tankten wir auf und flogen nach Tiflis. Man wollte meine Mutter nicht an Bord nehmen, sie lag quer auf dem Sitz, nicht angeschnallt. Bei der Landung hielten mein Mann und ich sie fest. Irgendwie kamen wir ans Ziel, aber der tschechische Pilot – ein Flugkapitän – weigerte sich kategorisch mit einer solchen Passagierin nach Israel zu fliegen. Kurz gesagt, sie ließen uns in Tiflis zurück. Und da begann ich hysterisch zu werden – zum ersten Mal während des gesamten Krieges weinte ich den ganzen Tag. Meine Mutter wurde auf die Intensivstation verlegt und ich kam bei einem Freund meines Vetters unter.

Meine Tochter erinnert sich bis heute an das Gesicht von Temotschka. Tema wurde der Arm abgerissen aber er starb von der Druckwelle – er wurde umgeworfen und schlug mit dem Kopf auf den Boden
In Israel verbrachte meine Mutter drei Wochen im „Ichilov Hospital“, anschließend im Bejt-awot (israelisches Altenheim) und dann ging sie von uns. Aber wir konnten sie wenigstens menschenwürdig bestatten und nicht in einem Hof vergraben. Arme Mama, den damaligen Krieg hast du überlebt, den Holocaust, aber jetzt…

Und wir? Wir nahmen eine Wohnung in Haifa, manchmal ist es schwer, eine andere Mentalität, Bürokratie, wir beherrschen die Sprache nicht und haben Heimweh. Früher hielten wir nichts Schwereres als einen Stift in den Händen, aber hier müssen wir nachts in einem Lagerraum Waren zählen – es ist nicht die schwerste Arbeit, aber ein mentales Unbehagen gibt es, doch was soll´s.

Als meine Tochter hörte, wie in der Klasse ein Luftballon platzte, fiel sie zu Boden

Ab und zu spreche ich mit einem Vetter aus Sankt Petersburg. Einerseits ist er nicht gut auf seine Regierung zu sprechen, andererseits meint er, ich solle nach Mariupol zurückkehren und für meine Wohnung eine Entschädigung von dieser Regierung erhalten. Ich schimpfe selten, aber als er das sagte, hörte ganz Haifa wie ich fluchte. Meine Nerven gingen mir einfach durch bei einem solchen unsinnigen Vorschlag. Dabei leben seine Schwiegereltern in Mariupol – er müsste die Situation verstehen.

Ich will nichts von den Russen. Wenn sie irgendwann offiziell Entschädigungen geben – von den gesperrten Konten der russischen Oligarchen zum Beispiel, dann nehme ich sie mit Vergnügen.

Ich verkehre hier mit Repatriierten aus Russland – die Meisten sind ausgewandert, weil sie das Regime hassten. Aber es gibt auch andere Fälle. Gestern quatschten uns an einer Haltestelle zwei alte Frauen an. Kommen Sie aus der Ukraine? Ja. Und woher? Aus Mariupol. Und sie gingen auf uns los: „Tun Ihnen die Soldaten nicht leid?“ „Sie sind in unser Land gekommen, warum sollte ich Mitleid mit ihnen haben?“ Und mein Mann antwortet: „Und tun Ihnen nicht meine Mutter und mein Bruder leid, die ganz umsonst gestorben sind? So kämpfen sie gegen den Faschismus… In unserem Land!“ Aber das sind seltene Exemplare. Normalerweise bringen die Menschen, wenn sie erfahren, woher wir kommen, alles, was sie können – sogar Betten haben sie uns gegeben, und Kleidung und Geschirr.

Anja ging hier zur Schule und ein Bursche brachte einmal einen Luftballon in die Klasse – er wollte ihn über dem Ohr eines Freundes platzen lassen. Als sie den Knall hörte, schrie sie und ein anderer Junge aus Mariupol (sie gehen gemeinsam in den Ulpan (Hebräischkurs)), schrie nicht, aber beide ließen sich auf den Boden fallen. Der Spaßvogel hat sich dann allerdings lange entschuldigt – er hatte sie nicht gesehen…

Meine Tochter erinnert sich bis heute an das Gesicht von Tjomotschka. Seine Mutter kannte ich von Kind an, wir wuchsen im selben Hof auf, sie war beinahe gleich alt wie mein Sohn und starb im Krankenhaus. Tjoma wurde der Arm abgerissen, aber er starb durch die Druckwelle – er wurde umgeworfen und schlug mit dem Kopf auf den Boden. Und seine Mutter erlitt außer Splitterverletzungen ein Schädel-Hirn-Trauma. Sie konnte nicht abtransportiert werden – ihr Auto war kaputt. Und ein weiteres kleines Mädchen starb mit seiner Mutter – sie hatten dort zusammen gespielt… Und Anja erinnert sich an all diese Menschen…

Und auch ich begann mich vor dem Schlagen von Türen und lauten Schreien zu fürchten – im Bus, wenn jemand laut spricht, zieht sich in mir alles zusammen. So sieht es bei uns aus.
Die Zeugenaussage wurde am 8. Juni 2022 aufgezeichnet

Übersetzung: Dr. Dorothea Kollenbach